Tech & Literature 2020Rezension von Prof. Dr. Peter Reiff

Yuval Noah Harari, der Autor des Buches „21. Lektionen für das 21. Jahrhundert“, ist einer der anregendsten und zugleich einflussreichsten Denker unserer Zeit. Nach seinen beiden weltweit zu Bestsellern avancierten Büchern „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo deus“, die sich mit der fernen Vergangenheit und der langfristigen Zukunft des Menschen beschäftigten, hat der 1976 in Haifa geborene und an der Universität von Jerusalem lehrende Historiker mit diesem 2018 erschienenen Buch das Hier und Jetzt in den Blick genommen. Der Fokus des Buches liegt auf dem aktuellen Geschehen und der unmittelbaren Zukunft des Menschen. Es fragt nach den großen Herausforderungen und Möglichkeiten.

Das Buch besteht aus fünf Teilen. Nach Teil 1, der die „technologische Herausforderung“ thematisiert und über den im Folgenden allein zu reden sein wird, behandelt Teil 2 „die politische Herausforderung“, Teil 3 „Verzweiflung und Hoffnung“, Teil 4 „Wahrheit“ und Teil 5 „Resilienz“.

Die „technologische Herausforderung“ wird durch die Zwillingsrevolution der Informations- und der Biotechnologie verursacht, die sich der Kontrolle von Parlamenten und Regierungen entziehen. Künstliche Intelligenz, Big Data und Bioengineering würden die menschliche Arbeit in nie dagewesenem Umfang ersetzen. Diese Umbrüche müssten aufgefangen werden. Stichworte sind steuerfinanziertes bedingungsloses Grundeinkommen sowie die Aufwertung von Kindererziehung und gemeinnütziger Arbeit. In Gefahr ist auch die Freiheit. Big-Data-Algorithmen können die Gefühle eines Menschen besser überwachen und verstehen als der Mensch selbst. Die Illusion eines freien Willens zerplatzt. „Gegenwärtig vertrauen wir Netflix, dass es uns Filme empfiehlt, und Google Maps, dass es uns sagt, ob wir links oder rechts abbiegen sollen. Aber sobald wir künstlicher Intelligenz bei den Fragen folgen, was wir studieren, wo wir arbeiten und wen wir heiraten, wird das menschliche Leben kein Drama der Entscheidungsfindung mehr sein. Demokratische Wahlen und freie Märkte werden keinen Sinn mehr haben.“ Bis vor Kurzem waren Demokratien Diktaturen unter anderem deshalb überlegen, weil sie Daten dezentral und damit effizienter verarbeiteten. Künstliche Intelligenz könnte aber im 21. Jahrhundert dazu führen, dass der Nachteil der zentralen Konzentration aller Daten sich in den entscheidenden Vorteil verwandelt. Bedroht ist auch die Idee der Gleichheit. Big-Data-Algorithmen könnten die ungleichsten Gesellschaften hervorbringen, die es je gab. „Wenn sich neue Behandlungen zur Lebensverlängerung und zur Verbesserung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten als kostspielige Angelegenheit erweisen sollten, könnte sich die Menschheit in biologische Kasten aufspalten.“

Im 21. Jahrhundert werden Daten das sein, was bis zum 18. Jahrhundert der Grundbesitz und in den beiden folgenden Jahrhunderten der Besitz von Maschinen war. „Wenn wir verhindern wollen, dass eine kleine Elite solche gottgleiche Macht monopolisiert, und wenn wir verhindern wollen, dass sich die Menschheit in biologische Kasten aufspaltet, dann lautet die Schlüsselfrage: Wem gehören die Daten?“ Einem Unternehmen, der Regierung, mir selbst oder dem Kollektiv Menschheit. Wem der private Besitz der eigenen Daten als besten Option erscheint, der muss berücksichtigen, dass es bei der Regulierung des Datenbesitzes so gut wie keine Erfahrungen gibt und dass es sich hierbei um eine weitaus schwierigere Aufgabe handelt als die Regulierung von Land oder Maschinen. Denn Daten sind überall und nirgends, sie sind mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs und man kann sie so oft kopieren, wie man will. Eine technologische Lösung könnte sein, dass vernetzte Algorithmen das Grundgerüst einer globalen menschlichen Gemeinschaft bilden, der gemeinsam alle Daten gehören und die gemeinsam über die künftige Entwicklung des Lebens wacht.

Kernthese:
Die Menschheit verliert den Glauben an die liberale Erzählung, welche die Weltpolitik in den letzten Jahrzehnten bestimmte, genau in dem Augenblick, da die Verschmelzung von Informationstechnologie und Biotechnologie uns vor die größten Herausforderungen stellt, mit denen die Menschheit je konfrontiert war.